EU-Studie zur Wirtschaftlichkeit des Europäischen Kultur- und Kreativsektors im digitalen Zeitalter


Eines der Hauptziele der Europäischen Kulturförderung ist die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Kultur- und Kreativsektors. Kürzlich erschien die von der EU Kommission beauftragte und von den Beratungsstellen IDEA, KEA und SMIT durchgeführte Studie „Mapping the creative value chains“. Sie beschäftigt sich mit den Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung für die Wertschöpfungsketten im Kultur- und Kreativbereich. Die Wettbewerbsfähigkeit von Kulturakteuren wird beeinflusst von externen Faktoren, wie der Digitalisierung. Jedes Glied der Wertschöpfungskette von der Produktion bis zum Konsum wird von digitalen Entwicklungen geprägt und geformt. Zum einen ergeben sich daraus innovative Geschäftsmodelle oder aber neue Formen der Interaktion mit dem Publikum. Auf der anderen Seite, so die Autoren der Studie, sind Kulturakteure den Auswirkungen der Digitalisierung, wie verstärkter Piraterie und erhöhtem Druck auf Wertschöpfung und Vergütung ausgesetzt.


Untersucht wurden die Wertschöpfungsketten von insgesamt neun Bereichen der Kultur- und Kreativbranche: Bildende und Darstellende Kunst, Kulturerbe, Kunsthandwerk, Verlagswesen, Musik, Film, Fernsehen und Radio sowie Multimedia. Dabei halten die Autoren fest, dass die Auswirkungen der Digitalisierung nicht vereinheitlicht werden können. Zwar ermöglichen digitale Werkzeuge generell mehr Effizienz in der Organisation und Umsetzung von Aktivitäten sowie in der Erschließung neuer Absatzmöglichkeiten, dennoch steht jeder Bereich für sich und setzt digitale Lösungsmöglichkeiten, aufgrund struktureller Unterschiede, verschieden ein.
Die Autoren konstatieren, dass der digitale Wandel zwar den Alltag von Kulturbetrieben beeinflusst, deren Wertschöpfungsketten aber nicht signifikant umgestaltet. Analoge Kulturangebote sind weiterhin gefragt, wodurch auch traditionelle Kulturberufe erhalten bleiben. Außerdem kann hochwertige Qualität im digitalen Bereich nur mit Hilfe der Erfahrungen von etablierten Akteuren, beispielsweise im Verlagswesen, erreicht werden. Onlineangebote multinationaler Konzerne wie von Google und Amazon werden dem diversen europäischen Kulturraum nicht gerecht. In der Studie erklären die Autoren, dass einheitliche Wettbewerbsbedingungen von der Politik geschaffen werden müssen, damit kleinere Onlineplattformen auf dem europäischen Markt eine Chance haben. Denn solche Plattformen verstärken den interkulturellen Austausch und schaffen Möglichkeiten zur Überwindung historischer Grenzen. Allerdings fehlt es in vielen Fällen an Transparenz, beispielsweise in Bezug auf die Vergütung für digitale kreative Inhalte. Der digitale Wandel hat demnach auch markante Auswirkungen auf die Rolle der Kreativen im Euroraum. Mit der Digitalisierung fallen einzelne Stufen der Wertschöpfungskette weg, was dazu führt, dass Kulturschaffende zum einen schneller ihre Werke, aufgrund der niedrigeren Markteintrittsbarrieren, anbieten und verbreiten können. Zum anderen erhöht sich die Konkurrenz und der Druck auf die Kreativen steigt. Ihr Beruf besteht nicht mehr ausschließlich aus der Entwicklung künstlerischer Arbeiten, sondern erfordert auch Kenntnisse im Marketing, Vertrieb und im IT-Bereich. Da wenig Trainingsangebote, weder in der Ausbildung noch danach, zur Verfügung stehen, führt das schnell zu Frustrationen.


Angelehnt an diese Untersuchungsergebnisse, geben die Autoren der Beratungsstellen IDEA, KEA und SMIT folgende Empfehlungen an die EU Kommission: Damit politische Entscheidung bezüglich der Unterstützung des Kultur- und Kreativsektors gefällt werde können, sollten Daten über den Sektor gesammelt und aufgearbeitet sowie Statistiken erstellt werden. Des Weiteren unterstreicht die Studie die Wichtigkeit von cross-over Projekten und appelliert an die Entscheider, interdisziplinäre Projekte stärker zu fördern. Darüber hinaus muss der Kapazitätenaufbau in der Kultur- und Kreativbranche stärker unterstützt werden, damit Kulturakteure die Möglichkeiten der Digitalisierung voll ausschöpfen können. Dafür empfehlen die Autoren eine intensivere Zusammenarbeit mit der von der EU gegründeten Initiative Eurpean Network of Creative Hubs. Konkrete Empfehlungen betreffen auch die Ausgestaltung der EU Förderprogramme. Laut der Autoren sollten die bürokratischen Hürden für kleine und mittelständische Unternehmen verringert werden und alternative Finanzierungskonzepte, wie das Crowdfunding, in den Programmen stärkere Berücksichtigung finden. Des Weiteren soll auch hier mehr Gewicht auf die Interdisziplinarität der Förderprogramme gelegt und Projekte, welche die kulturelle Diversität Europas fördern, stärker unterstützt werden. Abschließend betonen die Autoren, dass die Rahmenbedingungen für Kulturschaffenden und Kreative sich generell verbessern müssen. Zum einen sollten Urheberrechte und Vergütungen für künstlerische Werke auf dem digitalen Markt festgelegt und transparenter werden. Zum anderen ist es im prekären Arbeitsumfeld des Kultur- und Kreativsektors von Nöten, eine solide soziale Sicherung für Kulturschaffende bereitzustellen.

 

Vollständige Studie (en)

Kurzfassung der Studie (en)